Substanzen wie MK‑677 oder sogenannte „Peptide“ werden häufig als innovative, harmlose Alternativen zu klassischen Dopingmitteln dargestellt. Begriffe wie „Research Chemical“, „Longevity‑Stack“ oder „natürlicher Hormon‑Booster“ suggerieren Sicherheit und Wissenschaftlichkeit. Tatsächlich zeigt ein genauerer Blick jedoch, dass diese Darstellungen oft irreführend sind und sowohl gesundheitliche als auch sportrechtliche Risiken bergen.
Ein Grund für diesen Trend liegt in der wachsenden Bedeutung sozialer Medien als Gesundheitsquelle. Viele Menschen – insbesondere Jugendliche, aber zunehmend auch ältere Erwachsene – orientieren sich an Influencern, wenn es um Themen wie Fitness, Anti‑Aging, Regeneration oder Leistungssteigerung geht. Wissenschaftliche Analysen[i] zeigen jedoch, dass diese Inhalte häufig unausgewogen sind: Vorteile werden betont, während Risiken kaum oder gar nicht erwähnt werden. Gleichzeitig besteht ein klarer wirtschaftlicher Anreiz, Produkte zu vermarkten, unabhängig davon, ob deren Wirkung tatsächlich belegt ist[ii].
Besonders problematisch wird diese Entwicklung bei Substanzen, die im Sport klar verboten sind oder medizinisch gar nicht zugelassen wurden. Die Welt Anti‑Doping‑Agentur (WADA) führt zahlreiche dieser Stoffe auf ihrer Verbotsliste, insbesondere im Bereich der Peptidhormone, Wachstumshormone und Stoffwechselmodulatoren. Diese sind nicht nur im Wettkampf, sondern auch außerhalb verboten. Substanzen, die keine Zulassung haben, sind ebenso jederzeit verboten.
MK‑677, das auf Social Media als „Wundermittel“ kursiert, gehört beispielsweise zu den Wachstumshormon‑Stimulatoren und fällt damit eindeutig in diesen Bereich. MK‑677, auch Ibutamoren genannt, wird online häufig als unkomplizierter Weg zu mehr Muskelmasse, besserem Schlaf oder gesteigerter Regeneration beworben. Tatsächlich handelt es sich um einen experimentellen Wirkstoff ohne Zulassung als Arzneimittel. Seine Wirkung beruht darauf, dass er die körpereigene Produktion von Wachstumshormon und IGF‑1 steigern soll – also in ein zentrales hormonelles System eingreift. Diese Eingriffe sind keineswegs harmlos, da die Sicherheit von MK-677 auf Grund zahlreicher Nebenwirkungen (z.B. Risiko für Herzinsuffizienz[iii]) nicht gegeben ist.
Neben solchen „Trendstoffen“ zeigt sich jedoch ein weiterer, weniger beachteter Bereich: Substanzen wie DHEA (Dehydroepiandrosteron), die vor allem bei älteren Menschen im Kontext von Anti‑Aging oder „Hormonoptimierung“ beworben werden. DHEA ist ein körpereigenes Hormon, dessen Spiegel mit zunehmendem Alter sinkt. Genau dieser natürliche Rückgang wird häufig als Argument genutzt, um eine Supplementierung zu rechtfertigen. Influencer, Anti‑Aging‑Anbieter:innen oder Online‑Plattformen versprechen dabei mehr Energie, bessere Leistungsfähigkeit, verbesserte Stimmung oder sogar eine Verlangsamung des Alterungsprozesses.
Die wissenschaftliche Evidenz zeichnet jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Zwar gibt es einzelne kleinere Studien, die etwa Verbesserungen der Haut oder minimale Veränderungen der Körperzusammensetzung zeigen, insgesamt konnte jedoch kein klarer Anti‑Aging‑Effekt nachgewiesen werden. Große Übersichtsarbeiten und medizinische Bewertungen kommen zu dem Ergebnis, dass DHEA weder kognitive Leistungsfähigkeit[iv] noch Muskelkraft[v] oder allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit bei älteren Menschen zuverlässig verbessert. Auch für viele der beworbenen Anwendungsgebiete – etwa zur Behandlung chronischer Erkrankungen oder als „Hormon‑Ausgleich“ – fehlen robuste wissenschaftliche Belege[vi] [vii].
DHEA ist keineswegs harmlos, da es direkt in den Hormonhaushalt eingreift. Dies kann zu Nebenwirkungen wie hormonellen Ungleichgewichten, Hautveränderungen oder Stimmungsschwankungen führen, aber auch ernstere Risiken nach sich ziehen. DHEA wird mit einem möglichen erhöhten Risiko für hormonabhängige Krebserkrankungen diskutiert. Die langfristige Sicherheit ist jedenfalls nicht ausreichend erforscht.
DHEA ist auch im Anti‑Doping‑Kontext relevant und steht auf der Verbotsliste unter der Substanzklasse der anabolen-androgenen Substanzen und ist zu jeder Zeit verboten. Damit zeigt sich eine Parallele zu den auf Social Media beworbenen „Peptiden“ oder MK‑677: Eine Substanz wird als „harmlose Nahrungsergänzung“ beworben, stellt aber im organisierten Sport einen Verstoß gegen die Anti-Doping Bestimmungen dar.
Unabhängig von der Substanz kommt ein weiteres Risiko hinzu: die Qualität der Produkte selbst. Viele der online erhältlichen Präparate, insbesondere solche, die als „Research Chemicals“ angeboten werden, dürften teilweise nicht verkauft werden, da diese keine Zulassung haben und somit auch keinen Zulassungskontrollen unterliegen. Tatsächliche Zusammensetzung solcher Produkte weichen oft stark vom angegebenen Inhalt ab. Das bedeutet, dass Konsument:innen nicht nur unbekannte, unerforschte oder ungetestete Wirkstoffe einnehmen, sondern auch Dosierungen, die erheblich von den Angaben auf der Verpackung abweichen können. [viii]
Aus Sicht der NADA Austria ergibt sich daraus ein klares Bild: Die zunehmende Vermischung von Social‑Media‑Marketing, unzureichend geprüften Substanzen und unrealistischen Leistungs‑ oder Anti‑Aging‑Versprechen stellt ein ernstzunehmendes Risiko dar. Dabei geht es längst nicht mehr nur um klassisches Doping im Leistungssport. Vielmehr betrifft die Problematik eine breite Bevölkerung – von jungen Menschen, die Influencer:innen folgen, bis hin zu älteren Personen, die sich von Anti‑Aging‑Versprechen angesprochen fühlen.
Die dargestellten Entwicklungen zeigen deutlich, dass einfache Lösungen, wie sie in sozialen Medien vermittelt werden, selten der wissenschaftlichen Realität entsprechen. Stattdessen handelt es sich oft um komplexe Eingriffe in den Hormonhaushalt, deren Nutzen unklar und deren Risiken erheblich sein können.
Die klare Empfehlung lautet daher: Hormonell wirksame Arzneimittel sollten ausschließlich unter ärztlicher Kontrolle verwendet werden – und nicht zugelassene Substanzen und experimentelle Behandlungen sollten nicht nur im Sport sondern grundsätzlich gemieden werden. Gesundheit und Fairness dürfen nicht kurzfristigen Trends oder Marketingversprechen geopfert werden.
[i] Raffael Heiss et al. (2025). Responding to public health challenges of medicaladvice from social media influencers. doi: https://doi.org/10.1136/bmj-2025-086061
[ii] Nickel B et al. (2025). Social Media Posts About Medical Tests With Potential for Overdiagnosis. JAMA Network Open. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.61940
[iii] FDA - Certain Bulk Drug Substances for Use in Compounding that May Present Significant Safety Risks
https://www.fda.gov/drugs/human-drug-compounding/certain-bulk-drug-substances-use-compounding-may-present-significant-safety-risks
[iv] Sultana F. et al (2023). Effect of dehydroepiandrosterone therapy on cognitive performance among postmenopausal women: a systematic review of randomized clinical trial data. doi: 10.1097/GME.0000000000002251
[v] Baker WL et al (2011) Effect of dehydroepiandrosterone on muscle strength and physical function in older adults: a systematic review. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK80965/?utm_source=chatgpt.com
[vi] NCCIH – DHEA and Menopausal Symptom https://www.nccih.nih.gov/health/menopausal-symptoms-in-depth?utm_source=chatgpt.com
[vii] Harvard Health Publishing - DHEA supplements: Are they safe? Or effective? (2025) https://www.health.harvard.edu/healthy-aging-and-longevity/dhea-supplements-are-they-safe-or-effective
[viii] Chakrabarty, R. et al (2021) “For research use only”: A comprehensive analysis of SARMs and related IPEDs purchased on local Australian websites between 2017 and 2018. Performance Enhancement & Health, 9(3), 100201. https://doi.org/10.1016/j.peh.2021.100201
