Main area
.

Doping im Alltag: Wenn Müdigkeit zur Diagnose wird

zurück Symbolbild für Doping im Alltag

In einer Gesellschaft, die Leistung über alles stellt, wird Müdigkeit schnell zum Feind. Ob Schüler: innen, Studierende oder Berufstätige – die Einnahme von unterschiedlichen Substanzen ist dabei keine Seltenheit, um den Anforderungen des Alltags gerecht zu werden.

Laut einer groß angelegten Studie konsumieren rund 70 % der Menschen in Deutschland mindestens einmal im Jahr Substanzen, die beschönigend „Neuro-Enhancer“ genannt werden – darunter Koffein, Energydrinks, Nahrungsergänzungsmittel und verschreibungspflichtige Medikamente wie Methylphenidat oder Modafinil. Besonders betroffen sind junge Erwachsene, die unter hohem Leistungsdruck stehen – etwa im Studium oder in der Ausbildung.[1]

Knapp die Hälfte der Medizinstudent: innen greift zu Substanzen, die zur kognitiven Leistungssteigerung dienen sollen. Die Gründe sind vielfältig: Prüfungsangst, Zeitmangel, Versagensdruck. Dabei sind die Risiken enorm – von Kopfschmerzen und Herzrhythmusstörungen bis hin zu Persönlichkeitsveränderungen und Abhängigkeit.[2] [3]

Außerhalb des organisierten Sportbereichs gilt dies nicht als Doping, sondern als Substanzmissbrauch. Dieser beginnt oft harmlos – mit dem Wunsch, konzentrierter zu arbeiten oder besser zu schlafen. Doch die Gewöhnung kann schnell zur Sucht führen. Besonders gefährlich: Die physiologischen Veränderungen im Gehirn, die mit der Abhängigkeit einhergehen. Das Problem ist tief verwurzelt – nicht nur die konsumierten Substanzen und individuellen Voraussetzungen der Betroffenen tragen zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Suchtverhalten bei, sondern auch gesellschaftliche Faktoren wie Verfügbarkeit und soziale Akzeptanz.

Einige Substanzen wirken über hormonelle Mechanismen und können den Hormonhaushalt langfristig verändern. Stimulanzien wie Methylphenidat beeinflussen beispielsweise den Dopaminhaushalt, Antidepressiva greifen in den Serotonin-Stoffwechsel ein. Bei gesunden Menschen können diese Eingriffe sogar unerwünschte gegenteilige Effekte haben: Studien zeigen, dass Antidepressiva bei Gesunden die Aufmerksamkeit sogar senken können.[4]

Langfristig können sich Substanzen im Gehirn ablagern oder die Neurochemie verändern – mit Folgen für Gedächtnis, Emotionen und Verhalten. Besonders kritisch ist der „off-label“-Einsatz von Medikamenten, die für bestimmte Krankheitsbilder entwickelt wurden und nicht für den Einsatz am gesunden Menschen.

Was im Alltag beginnt, spiegelt sich im Leistungssport in extremer Form wider. Auch dort sollen natürliche Grenzen überschritten werden – mit dem Unterschied, dass hier Präventionsmaßnahmen und Dopingkontrollen etabliert sind. Doch die psychologischen und physiologischen Mechanismen sind vergleichbar: Leistungsdruck, Selbstoptimierung, pharmakologische / hormonelle Manipulation.

Substanzmissbrauch zur Steigerung der Gehirnleistung ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein ethisches Problem. Wer sich durch Medikamente einen Vorteil verschafft, verletzt die Prinzipien von Fairness und Chancengleichheit.

Müdigkeit ist eine normale Reaktion des Körpers, welche - wie auch Schmerzen – als ein Warnsignal gesehen werden sollte. Studien zeigen, dass Müdigkeit bei intensiver geistiger Arbeit nicht nur ein subjektives Gefühl ist, sondern auf messbaren Veränderungen im Gehirn beruht: Im präfrontalen Cortex reichert sich der Botenstoff Glutamat an, wenn wir uns lange konzentrieren. Diese Anreicherung stört die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen und führt zu kognitiver Erschöpfung – das Gehirn signalisiert, dass eine Pause nötig ist. Forschende sehen darin einen Schutzmechanismus, der uns vor Überlastung bewahren soll. Pausen und Schlaf helfen, das überschüssige Glutamat wieder abzubauen und die Leistungsfähigkeit zu erhalten.[5] [6]

Das bedeutet, dass die Regeneration nicht nur für körperliche Leistungen wichtig ist, sondern auch für das Gehirn. Das Bewusstsein in diesem Bereich sollte demnach gesteigert werden, denn Substanzmissbrauch und am Ende auch Doping fängt mit kleinen, oft unbewussten Schritten an.  Es gilt, auf den eigenen Körper zu hören und Warnsignale ernst zu nehmen, statt diese mit der Einnahme von Substanzen zu verdrängen.

Die NADA Austria bietet eine ganze Reihe von Maßnahmen an. Neben den Dopingkontrollen im Leistungs- und Spitzensport, wird vor allem auch auf Prävention und Aufklärung vom Freizeit- bis zum Spitzensport gesetzt – etwa durch Schulungen für Schüler:innen, Sportler:innen, Trainer:innen, Ärzt:innen und weitere Gesundheitsberufe. Eine Möglichkeit hierfür bietet die NADA Austria E-Learning Plattform aktiv.nada.at.

Ziel ist es, eine reflektierte Haltung gegenüber Doping und Substanzmissbrauch zu fördern – nicht nur im Sport, sondern auch im Alltag.

Weiterführende Links:

Schulungsprogramme der NADA Austria

Anti-Doping Quickinfo - Übersicht über digitale Angebote der NADA Austria

Multimediale Lernplattform aktiv.nada.at

Quellen:

[1] Sebastian Sattler et al.; Prevalence of Legal, Prescription, and Illegal Drugs Aiming at Cognitive Enhancement across Sociodemographic Groups in Germany; 2024 (https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/01639625.2024.2334274#abstract)

[2] Tarek Jebrini et al.; Psychiatric Comorbidity and Stress in Medical Students Using Neuroenhancers; 2021 (https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2021.771126/full)

[3] Pavel Dietz et al.; Randomized Response Estimates for the 12-Month Prevalence of Cognitive-Enhancing Drug Use in University Students; 2013 (https://accpjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/phar.1166)

[4] Christelle Langley et al.; Chronic escitalopram in healthy volunteers has specific effects on reinforcement sensitivity: a double-blind, placebo-controlled semi-randomised study; 2023 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36683090/)

[5] Antonius Wiehler et al; A neuro-metabolic account of why daylong cognitive work alters the control of economic decisions; 2022 (https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(22)01111-3)

[6] Tim Ziebarth et al.; Atypical Plume-Like Events Contribute to Glutamate Accumulation in Metabolic Stress Conditions, in: iScience; 2025, (https://www.cell.com/iscience/fulltext/S2589-0042(25)00517-6)

zurück