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Muskelsucht und Anabolikamissbrauch: Wenn der Traum vom perfekten Körper zur Sucht wird

zurück Am Foto zu sehen sind Günther Younger und Alexander Sammer

Der Wunsch nach einem muskulösen Körper ist kein Trend der Zeit, allerdings wird dieser durch Socialmedia vorangetrieben. Gefährlich sind vor allem übertriebene Idealvorstellungen, die häufig gar nicht erreicht werden können. Bilder zeigen oft nur Momentaufnahmen, sind in idealer Pose und Licht aufgenommen oder überhaupt durch KI und Apps generiert oder verändert. Bei manchen entwickelt sich aus dem Wunsch nach einem muskulösen Körper jedoch eine gefährliche Abhängigkeit.

Die sogenannte Muskeldysmorphie, auch als „Reverse Anorexie“ oder Muskelsucht bekannt, beschreibt eine gestörte Körperwahrnehmung, bei der Betroffene sich trotz ausgeprägter Muskulatur als zu schmächtig empfinden. Diese psychische Störung kann nicht nur körperliche Auswirkungen haben, sondern auch tiefgreifende psychische Folgen haben.

Was ist Muskelsucht?

Die Muskelsucht ist eine Form der Körperbildstörung, die vor allem Männer betrifft. Sie ist vergleichbar mit der Magersucht – jedoch am anderen Ende des Spektrums. Während sich Menschen mit Magersucht als zu dick empfinden, sehen sich muskelsüchtige Personen als zu dünn oder nicht muskulös genug, selbst wenn sie objektiv bereits sehr trainiert sind.

Typische Merkmale sind:

  • Zwanghaftes Training, oft mehrmals täglich
  • Strenge Diäten mit Fokus auf Protein und Muskelaufbau
  • Soziale Isolation, weil alles dem Training untergeordnet wird
  • Verheimlichung oder Bagatellisierung des eigenen Verhaltens
  • Griff zu leistungssteigernden Substanzen, insbesondere anabole androgene Steroide (AAS – umgangssprachlich auch Anabolika genannt) oder andere Hormone (z.B. Wachstumshormon).

Die Muskelsucht kann zu einer psychischen Abhängigkeit führen, bei der das Selbstwertgefühl vollständig an das äußere Erscheinungsbild gekoppelt ist. In vielen Fällen ist dies auch der Einstieg in den Missbrauch von Dopingmitteln.

Zwischen Körperwahn und Substanzmissbrauch

Studien zeigen, dass viele Betroffene nicht nur unter einer verzerrten Selbstwahrnehmung leiden, sondern auch eine substanzbezogene Sucht entwickeln – vergleichbar mit Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Die Einnahme von anabol androgenen Steroiden (Anabolika) oder anderen Hormonen verändert nicht nur den Hormonhaushalt, sondern kann auch das Belohnungssystem im Gehirn beeinflussen. Dies führt zu einem starken Verlangen nach weiteren Einnahmen, selbst wenn gesundheitliche Schäden bereits eingetreten sind.

Tierstudien belegen, dass auch bei Hamstern und Ratten durch Anabolika-Gabe suchtähnliche Verhaltensmuster entstehen, und bietet somit Hinweise auf die tiefgreifenden neurologischen Effekte.[1]

Zudem weisen Studien auch auf neuropsychiatrische Veränderungen hin, die durch langfristigen Anabolikamissbrauch entstehen können. Dazu zählen Depressionen, Aggressionen, Angststörungen und kognitive Beeinträchtigungen.[2]

Besonders alarmierend ist die hohe Rückfallquote von rund 60 % unter ehemaligen Anabolika-Nutzer:innen. Viele Betroffene berichten, dass sie nach dem Absetzen der Substanzen unter starken psychischen und physischen Beschwerden leiden – unter anderem durch eine gestörte körpereigene Testosteronproduktion. In manchen Fällen erholt sich diese nie vollständig, was zu einem dauerhaften Hormonmangel bzw. Substitution führen kann.[3]

Ein weiteres Problem: Viele Nutzer:innen suchen keine medizinische Hilfe. Laut einer Umfrage unter 2.385 Männern wenden sich viele nur ungern oder gar nicht an Ärzt:innen – aus Scham, Misstrauen oder mangelndem Wissen. Dabei wäre eine professionelle Begleitung essenziell, um körperliche und psychische Schäden zu minimieren.[3]

Studien zeigen auch, dass häufig mehrere Substanzen gleichzeitig konsumiert werden – darunter neben Anabolika auch Wachstumshormone, Diuretika oder Schilddrüsenmedikamente.[4] Ärzt:innen erkennen den Missbrauch oft erst spät, etwa durch auffällige Laborwerte oder körperliche Veränderungen. Mehr zu den Nebenwirkungen: Anabolika-Kur - häufig verwendete Zusatz-Substanzen und typische Nebenwirkungen

Eine aktuelle Studie zeigt zudem anhand von 20.286 beobachteten männlichen Bodybuildern, die zwischen 2005 und 2020 bei Wettbewerben des Weltverbands IFBB gestartet sind, dass 121 im Beobachtungszeitraum verstorben sind. Knapp 40 Prozent starben durch einen plötzlichen Herztod, einige darunter deutlich unter 40 Jahren. Im Vergleich dazu sterben im Fußball oder Marathon 1-2 Sportler pro 100.000 Athletenjahren an einem plötzlichen Herztod. [5] 

Keine Ausnahmegenehmigung im Leistungssport

Ein besonders wichtiger Aspekt: Für den Missbrauch von anabolen Steroiden – und auch für eine möglicherweise notwendige, langfristige notwendige Substituierung mit Testosteron nach dem Absetzen oder auf Grund von Schädigungen, die durch die Anwendung von verbotenen Substanzen entstanden sind – gibt es keine medizinische Ausnahmegenehmigung (TUE) im Leistungssport. Das bedeutet: Wer einmal mit Anabolika begonnen hat, schließt sich dadurch selbst dauerhaft vom organisierten Sport aus, da eine spätere Therapie mit Testosteron nicht genehmigt wird. (Die Richtlinien zur Behandlung mit Testosteron sind hier zu finden: https://www.nada.at/de/medizin/behandlungen/testosteron)

Die Muskelsucht und der damit verbundene Anabolika- und Hormonmissbrauch sind ernstzunehmende Gesundheitsprobleme, weshalb die NADA Austria auf dieses Thema aufmerksam macht und eingehend vor der Einnahme dieser Substanzen warnt.

[1] Quelle: Ruth I. Wood, PhD - Keck School of Medicine of USC (https://keck.usc.edu/faculty-search/ruth-i-wood/)

[2] Quelle: Gen Kanayama, James I. Hudson, Harrison G. Pope Jr. - Long-term psychiatric and medical consequences of anabolic–androgenic steroid abuse: A looming public health concern? (https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0376871608001919?via%3Dihub), 2008

[3]Giuseppe Bertozzi, Monica Salerno, Cristoforo Pomara, Francesco Sessa - Neuropsychiatric and Behavioral Involvement in AAS Abusers. A Literature Review (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6681542/), 2019

[4] Quelle: Alex K Bonnecaze, Thomas O’Connor, Joseph A Aloi - Characteristics and Attitudes of Men Using Anabolic Androgenic Steroids (AAS): A Survey of 2385 Men (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7739101/), 2020

[5] Quelle: Marco Vecchiato et al - Mortality in male bodybuilding athletes (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40393525/)

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