Versuchungssituationen
Die "Treppe zum Doping" - Wie Hemmschwellen abgebaut werden
Sportlerinnen und Sportler, die noch nicht mit Doping in Berührung gekommen sind, werden selten über Nacht zu Dopingathletinnen und -athleten. Meist geht einer solchen Verwandlung ein längerer Prozess voraus. Die Entscheidung zur Verwendung verbotener Mittel wird, wie schon gesagt, schrittweise herbeigeführt. Hätten Athletinnen und Athleten eine große Hemmschwelle, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass sie Doping ablehnen würden, nämlich viel größer. Also versuchen Trainer, Ärzte, Manager, Funktionäre oder andere Personen, die Sportler zum Doping bringen wollen, die Hemmschwelle der Athletinnen und Athleten Stück für Stück abzubauen.
Das kann durch kleine Schritte bei der medizinisch nicht notwendigen Verwendung von erlaubten Medikamenten ebenso erfolgen wie durch sprachliche Formulierungen, die Doping als "Veränderung der Ernährung", "unterstützende Maßnahme" oder "Förderung der Konstitution" verschleiern. Auch die Verwendung zweifelhafter, aber nicht verbotener Mittel wie Kreatin können die Hemmschwelle zum Doping senken. Denn Kreatin erfüllt denselben Zweck wie ein Dopingmittel - es soll die Leistung verbessern. Ist dieser Schritt - die Bereitschaft, seine Leistung mit Hilfe zusätzlicher Mittel zu verbessern - erst einmal vollzogen, ist der Weg zum Doping längst nicht mehr so weit wie vorher.
Umfeld
Nahezu kein Sportler denkt beim Eintritt in das Sportleben an verbotene Leistungssteigerung. Trotzdem ist Doping ein massives Problem des modernen Sports. Daher liegt der Verdacht nahe, dass sich die Neigung zum Doping im Laufe der Sportkarriere entwickelt. Psychologen und Soziologen gehen davon aus, dass Menschen vor allem dann Regeln brechen, wenn sie durch Personen, die den Regelbruch befürworten, beeinflusst werden. Es liegt auf der Hand, dass im Sport Trainer und Betreuer eine entscheidende Rolle dabei spielen, ob sich Sportlerinnen und Sportler für oder gegen Doping entscheiden.
Aber auch Familie, Kameraden, Ärzte, Physiotherapeuten, Manager und andere Personen rund um den Sport stellen wichtige Vertrauenspersonen dar, die eine solche Entscheidung - positiv wie negativ - beeinflussen können. Sind solche Vertrauenspersonen Dopinggegner, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass Sportlerinnen und Sportler zu Dopingmitteln greifen. Haben sie eine unklare oder eine Doping befürwortende Haltung, steigt die Wahrscheinlichkeit des Dopings an.
Jeder Funktionsträger, der im Sport Einfluss nimmt, fühlt sich im Normalfall einer spezifischen Bereichs- oder Berufsethik verpflichtet. Diese gibt vor, was ein Mensch in diesem Bereich tun und wie er sich verhalten sollte. Um zu begründen, warum er dennoch Regeln bricht und vielleicht sogar kriminell wird, bemüht er genau diese spezifische Ethik seines Bereichs oder Berufs. Er rechtfertigt sich durch so genannte Rationalisierungen (vernünftig klingende Behauptungen), mit denen Gewissensbisse als Folge unmoralischer Handlungen durch moralische Argumente neutralisiert, also ausgeschaltet werden.
Durch solche "Ausreden" reduzieren dopende Personen ihr schlechtes Gewissen. Häufig glauben sie tatsächlich an diese Rechtfertigungen. Genau das macht es so schwer, sie von der Verwerflichkeit ihrer Handlungen zu überzeugen. Diese ihre innere Überzeugung lässt sie vielleicht sogar glaubwürdig und vertrauenswürdig erscheinen - glauben sie doch häufig das, was sie sagen. Wer hier nicht mitdenkt, gerät in Gefahr, auf die falschen Argumente hereinzufallen und selbst zum Betrüger zu werden.
Konkrete Situationen, die erfahrungsgemäß den Dopingmissbrauch begünstigen:
Verletzung
Verletzungen sind im Sport leider möglich, im Spitzensport sogar sehr häufig. Für den Sportler bedeutet eine Verletzung eine Trainings- und Wettkampfpause, die meist mit einem Formverlust verbunden ist. Durch jahrelanges hartes Training werden Muskeln aufgebaut und Bewegungsablaufe koordiniert, die dann im Falle einer Zwangspause teilweise verloren gehen können. Um möglichst schnell wieder an die eigenen Leistungen anschließen zu können, werden Sportler ab dem ersten Tag der Verletzung therapiert und betreut, schließlich kann eine Verletzung auch den Verlust von Fördergeldern oder Sponsorenunterstützung bedeuten. Manche Sportler, die sich in einer solchen Situation befinden, wählen den vermeintlich schnelleren, illegalen Weg und versuchen mit Doping, an alte Erfolge anzuknüpfen.
Längere Krankheit
Sportler mit lang andauernder Krankheit stecken in einer ähnlichen Situation, wie verletzte Sportler. Je schneller sie wieder gesund werden, desto schneller können sie wieder mit Training und Wettkampf beginnen. Oftmals versuchen Sportler, Krankheiten zu ignorieren oder mit Medikamenten wieder wettkampftauglich zu werden. Mittlerweile ist bekannt, dass dies zu massiven Schädigungen führen kann. Schon eine "übergangene" Grippe kann die Herzmuskulatur schwächen und so im schlimmsten Fall bei hoher körperlicher Belastung zum Tod führen.
Grundsätzlich muss bei Krankheiten - wie auch bei Verletzungen - immer beachtet werden, dass keine verbotenen Medikamente verabreicht werden bzw. wenn nicht anders möglich, dann muss eine Ausnahmegenehmigung beantragt werden. Leider hat die Vergangenheit gezeigt, dass immer wieder Missbrauch mit diesen Genehmigungen betrieben wurde, daher wurden die Kriterien verschärft. Es gibt aber noch immer auffällig viele Asthmatiker unter den Spitzensportlern.
Vereinswechsel
Nach dem Wechsel in einen anderen Verein, meistens um sich sportlich weiterzuentwickeln, ist der Athlet mit einer neuen Situation konfrontiert. In einem neuen Umfeld herrschen andere Regeln und auch Bezugssysteme. Der Sportler muss sich oftmals erst etablieren und durch Leistungen auf sich aufmerksam machen. Somit kann einerseits ein dopinggeneigtes Umfeld, andererseits aber auch der zusätzliche Erfolgsdruck die Dopingwahrscheinlichkeit erhöhen.
Trainerwechsel
Der Trainerwechsel ist ebenso wie der Vereinswechsel mit ähnlichen Risiken behaftet. Oftmals erhofft sich der Sportler vom neuen Trainer eine entscheidende Verbesserung der Leistungen. In der Sportszene sind erfolgreiche Trainer, die schon einige Spitzenathleten hervorgebracht haben, heiß begehrt. Die Erfolgsorientierung der Sportler kann dazu führen, dass die Methoden und Vorgehensweise der Betreuer nicht hinterfragt oder geduldet wird.
Karriereende
Das drohende Karriereende stellt für viele Sportler eine belastende Situation dar, sei es alters- oder leistungsbedingt oder aufgrund anderer Umstände. Besonders problematisch ist diese Aussicht für Sportler, die neben dem Sport kein zweites Standbein, also Beruf oder Ausbildung haben. Die fehlende Perspektive nach der Sportkarriere verleitet Athleten immer wieder dazu, ihr Sportlerleben mit allen Mitteln verlängern zu wollen.
Aussicht auf finanziellen Erfolg
Das moderne Sportsystem ist untrennbar mit dem Einsatz von Fördermitteln und Sponsorgeldern verbunden. Je erfolgreicher ein Sportler ist, desto einträglicher ist es für ihn, immer vorausgesetzt, dass auch die mediale Präsenz stimmt. Die Aussicht auf finanziellen Erfolg ist ein starkes Argument für die unbedingte Erfolgsorientierung vieler Athleten. Gerade vor dem Sprung in die Kaderförderung oder vor einem möglichen lukrativen Vertragsabschluss steigt die Wahrscheinlichkeit der Dopinganwendung.
Anerkennung
Sportlicher Erfolg ist immer auch mit Prestige verbunden, je nach Sportart verschieden. Die Suche nach Ruhm und Anerkennung ist im Spitzensport sicherlich nicht alleine Ausschlag gebend für eine Dopingneigung, viel eher wird die Beliebtheit als angenehmer Nebeneffekt des Erfolges gesehen. Im Breiten- und Freizeitsport ist dieses Motiv weit verbreitet und schlägt sich auch im Medikamentenmissbrauch nieder.